Teil I. Von Bremgarten nach Zürich (1504-1531)

1. Henry Bullingers Bedeutung für die Reformation

     Seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich Reformierten Christen erneut für das Zeitalter der Puritaner interessiert. Die Holländer nennen dies Die Nadere Reformatie oder andauernde Reformation. Diese an sich notwendige Entwicklung kam aber zu einer Zeit, als die Reformation selbst nahezu vergessen war. Wir haben also das Blattwerk des Baumes der Reformation untersucht, ohne zu merken, auf welchem Baumstamm und welchen Wurzeln es wuchs.

     Seit dem Neunzehnten Jahrhundert ist relativ wenig Forschung in den Quellen der Reformation unternommen worden. Wir wissen immer noch wenig über unsere geistigen Väter. Die Forschung die gemacht wurde, war fast exklusiv in Richtung Luther und Calvin. Luther ist zwar eine wichtige Gestalt für uns, aber er war ein großer Kritiker der Reformierten Kirche. Calvin dagegen war ein Reformator der zweiten Generation und baute fast nur auf seinen Mentoren. Was er hinzufügte war immer sehr kontrovers und eher philosophisch als theologisch. So sind Leben und Werken der Reformatoren wie Martin Bucer, Wolfgang Capito, Berchtold Haller, Oswald Myconius, Konrad Pellikan und Heinrich Bullinger auf dem europäischen Festland kaum bekannt und auch nicht die Engländer Robert Greathead, Thomas Bradwardine, John Wycliffe, John Colet, Miles Coverdale, Thomas Lever, John Jewel and Edmund Grindal. Viele dieser Männer hatten zu ihrer Lebenszeit eine Reputation, viel größer und internationaler als die meisten Puritaner später hatten. Sie waren aber Bahnbrecher in ihrer Arbeit für den Herrn, und die Pionierarbeit, die sie leisteten, machten das Leben der Puritaner viel leichter. Vor allem die ersten Reformatoren hatten eine Frische und ein spontanes christlichen Zeugnis das viel effektiver in der Verbreitung des Evangeliums war als die systematischen Theologien der Puritaner, die häufig trocken, akademisch, philosophisch und sogar gekünstelt wirken.

     Kein Reformator ist in der modernen Zeit so vernachlässigt worden wie Heinrich Bullinger, besonders in der angelsächsischen Welt. Bullinger, dessen Geburt vor 500 Jahren wir in diesem Jahr feiern, wurde aber früher Vater der reformierten Kirchen genannt und hatte eine internationale Reputation gleich Luthers und weit größer als Calvins, so dass er auch ,Hirte der Gemeinden’ genannt wurde. Die Engländer nannten ihn Säule der Kirche Jesus Christus. Ferner, schrieb Bullinger mehr reformatorische Werke als Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin zusammen. So ist Bullinger fast unsere einzige Quelle für historische Informationen über viele Reformatoren. Ohne Bullinger würden wir z.B. Zwingli kaum kennen. Seine Geschichte der Reformation ist die erste gründliche Untersuchung des Ursprungs und Verlaufs der Reformation. Seine Decades ist das erste große Handbuch der Reformierten Theologie. Seine Zweite Helvetische Konfession bleibt ohne Rivalen die Konfession der Reformation. Der Heidelberger Katechismus, auf Bullingers Schriften gebaut, ist immer noch aktuell unter Reformierten Menschen. Ferner sind seine Bündnis- Rechtfertigungs- und Prädestinationslehren die Grundsteine des modernen sogenannten Kalvinismus.

     Bullinger war der Pionier der friedlichen Debatte mit den Catabaptisten und mit Bucer der führende Reformator in den Friedensbemühungen mit Luther. Obwohl die meisten Reformatoren ein sehr unruhiges Leben führten, lebte Bullinger friedlich in Zürich, geliebt von Kirche und Staat über fünfzig Jahre lang. Seine enorme Beschlussfähigkeit und Sachkunde als Diplomat und Mittler machten ihn zu dem beliebtesten Verteidiger der Schweizer Reformation. Diese Fähigkeiten waren bei Bullinger schon in der Jugend voll entwickelt, und Zwingli profitierte mehrmals von Bullingers Geschicklichkeit in seinen Debatten mit Rom, Luther und den Catabapisten. Deshalb sah er sehr früh in Bullinger den zukünftigen Leiter der Schweizer Reformation. Auch in der zukünftigen Französischen Schweiz wurde Bullinger häufig gebeten zu vermitteln. Farel wäre nie in Neuchatel geblieben und auch nicht Calvin in Genf ohne Bullingers Einwirken.

 

2. Von der Geburt zur Wiedergeburt

     Heinrich Bullinger startete seine irdische Pilgerfahrt am 18. Juli 1504 in Bremgarten, einer kleinen Stadt mit 800 Einwohnern im Aargau. Sein Familiensitz trug den Namen Der Wilde Man, und ein solcher „Wilde“ war ein Teil des Familienwappens. Das Haus steht noch, aber das Aushängeschild mit dem Zeichen des wilden Mannes ist weg. Stattdessen heißt die Adresse nun Marktstrasse 66.

     Bullinger war das jüngste von sieben Kindern, fünf Jungen und zwei Mädchen. Bullingers Eltern waren Heinrich Bullinger, der Gemeindepastor in Bremgarten und Anna Wiederkehr. Kirchenhistoriker spekulieren, dass der wohlhabende Heinrich die Kirchenbehörden bestochen haben muss, um so viele Jahre mit Anna als seiner Gattin leben zu dürfen. Damals herrschte aber in der Schweiz eine Demokratie die sonst unbekannt in Europa war und es war nicht die Kirchenhierarchie, auch nicht der Stadtrat der einen Gemeindepastor wählte sondern allein die Gemeinde deren Votum dann normalerweise vom Stadtrat akzeptiert wurde. Leo Judd und Felix Manz, Zeitgenossen unseres Heinrich Bullingers, waren auch Kinder eine so genannten ‚wilden Ehe’.

     Am 12 Mai 1509 wurde Heinrich, nun vier Jahre alt, eingeschult. Das übliche Einschulungsalter war sieben aber auch erst nach einer bestandenen Eintrittsprüfung in deutscher Sprache. Die Bremgarten-Lehrer Johann und Abraham Schatt attestierten, dass der junge Heinrich sprachlich weit entwickelt war. Seine Erziehung in den nächsten acht Jahren bestand aus dem Lesen und Schreiben lateinischer Texte und liturgischem Singen. Die Kinder durften während der Schulzeit nur Latein miteinander sprechen. Die Schule führte zur Hochschulreife, aber Heinrich und Anna hatten andere Pläne für Heinrich Junior.

     In November 1516 schickte Vater Heinrich seinen 12-jährigen Sohn nach Emmerich am Niederrhein, um an einem humanistischen Gymnasium seine Ausbildung fortzusetzen. Heinrich Senior hatte seine eigene gymnasiale Schulzeit als Wanderschüler in Deutschland erlebt und er meinte, dass sein Sohn ähnliche Erfahrungen und Möglichkeiten haben sollte, ohne von Ort zu Ort wandern zu müssen. Außerdem war Heinrichs ältester Sohn Johannes Reinhart schon seit einigen Jahren in Emmerich. Bullinger Senior teilte seinem Sohn mit, dass er Geld für seine Unterkunft und Kleidung bekommen würde aber keinen Pfennig für sein Essen. Er musste für seine Nahrung betteln, genau wie früher sein Vater betteln musste. Auf diese Art und Weise würde er lernen, arme Leute zu verstehen. Glücklicherweise hatte Heinrich junior eine schöne Stimme, so ging er während der nächsten drei Jahre von Tür zu Tür und sang für seine Mahlzeiten.

     In Emmerich lernte Bullinger eifrig und entschloss sich bald ein Kartäusermönch zu werden, aber erst wollte er einer akademischen Laufbahn folgen. Mit fünfzehn war Bullinger so weit, dass er an der Universität Kölns immatrikulieren konnte. Hier begegnete er dem neuen humanistischen Geist in der Person Erasmus und studierte seine Werke. Köln war die größte Stadt Deutschlands und das Zentrum von Roms Macht. Hier ruhten, nach der Aussage der Römischen Kirche, die Gebeine der drei Könige, die Christus in Bethlehem besucht hatten. Dies allein gab den Kölnern das Gefühl, dass Köln ein Himmel auf Erden wäre. Man konnte keine zwanzig Schritte in Köln machen, ohne genügend Beweise zu finden, dass die Stadt wahrhaftig ‚Deutschlands Rom“ war. Auch die deutschen Mystiker Meister Eckart und Johannes Tauler hatten Köln zu ihrer Hochburg gemacht. Albert der Grosse und sein Schüler Thomas von Aquin sowie der Schottische Franziskaner Johannes Dun Scotus hatten in Köln gelehrt. So gab es in der Frömmigkeit Kölns mystische Züge, und die Kölner Aquinianer stritten häufig mit den Scotianern darüber, ob Religion eine Sache der Logik wäre oder ein Produkt des Willens.

     Grade frisch in Köln, begegnete Bullinger einer beachtlichen Anzahl von Menschen die verkündeten, dass wahre Religion nichts mit Menschenlogik oder menschlichem Willen zu tun hat, sondern mit Gottes Willen,  wie er in der Bibel offenbart ist. Trotzdem oder vielleicht deswegen, wurde Köln die einzige deutsche Universität, die öffentlich Luthers Werke verdammten. Als Erasmus Köln besuchte, protestierte er gegen Kölns Widerstand gegen jede Reform und gewann viele Sympathisanten. Der Schrei nach Reform war so groß, dass der Papst selbst eingreifen musste und seinen Inquisitor Hieronymus Alexander im Oktober 1520 nach Köln schickte mit einem Koffer voll päpstlicher Bullen gegen die ,Häretiker’. Er wurde sehr kühl empfangen und merkte, dass überall in der Stadt anti-päpstliche Plakate hingen. Leider gab Erasmus wegen zu starken Drucks von Rom nach, und Köln folgte ihm. Am 15. November 1520 wurden Luthers Bücher verbrannt. An diesem Tag erhielt Bullinger, nun 16 Jahre alt, seinen Bakkalaureus.

     Voller Neugier auf die Theologie der Reformation fing Bullinger an, Luther und Melanchthon zu studieren. Er hatte keine theologische Ausbildung und kannte sich mit der Römischen Theologie überhaupt nicht aus. Obwohl dies nichts mit seinem Magisterstudium zu tun hatte, las er eifrig Theologie. Er sah, dass sich die Papisten als Schüler der Kirchenväter bekannten, so studierte er eifrig Johannes Chrysostom, Origenes, Ambrosius, Augustinus und Lactantius. Die Kirchenväter bezogen sich auf das Wort Gottes, so kaufte Bullinger sein erstes Neues Testament. Er entdeckte, dass die Kirchenväter viel näher der Biblischen Wahrheit lebten als die Römischen Geistlichen und Letztere häufig in voller Opposition zu den Kirchenvätern und zu der Bibel lehrten.  Durch das Neue Testament lernte Bullinger, dass das Heil durch die Gnade kam und nicht durch Werkgerechtigkeit. Er gab seinen Wunsch Mönch zu werden auf und erlebte Glaube in dem Herrn Jesus Christus. Er fasste den Entschluss nun Lehrer zu werden. Jetzt 17 Jahre alt, bestand Bullinger die Magister Prüfungen und kehrte heim nach Bremgarten nach einer Abwesenheit von sechs Jahren.

 

3. Die Reformation in Kappel und Bremgarten

     Wie würde Heinrich Bullinger Senior, ein Römischer Hauptpastor, die Nachricht von der Bekehrung seines Sohnes aufnehmen? Wie würden die Behörden in dem Kanton in dem er als Lehrer arbeiten wollte, seinen reformierten Glauben akzeptieren? Mit diesen Fragen im Kopf, reiste Bullinger nach Hause, völlig entschlossen, allen über sein neues Leben in Christo zu erzählen. Bullinger wurde wärmstens empfangen von seinen Eltern ohne ein Wort des Tadels. Heinrich Senior unterstützte seines Sohnes Wunsch, weiter in der Bibel und die Kirchenväter zu studieren. Er hatte schon selbst vor wenigen Jahren einen päpstlichen Ablassverkäufer aus seiner Kirche getrieben und Recht behalten vor dem Bischof. Bullinger Senior war nie ein Sklave Roms.

     Nach einigen Monaten Privatstudium und Arbeitssuche erhielt Bullinger ein Angebot von dem Kappeler Zisterzienser Abt Wolfgang Joner an seiner Klosterschule Lehrer zu werden, obwohl Bullinger nur 18 Jahre alt war. Bullinger erzählte Joner von seiner Bekehrung und sagte, er könne nie die Tracht eines Mönches tragen oder irgendwelche römischen Eide schwören. Er könne auch nie an einer Messe teilnehmen. Ferner müsse er frei sein, das Evangelium auszulegen wie er es für richtig hielte. Joner akzeptierte sofort alle Bedingungen und machte Bullinger zum Superintendenten der Schule mit der Extraaufgabe, auch die Mönche zu unterrichten.

     Bullinger entwarf sofort einen Lehrplan, und die Schule wuchs und florierte. Während der nächsten sechs Jahre legte Bullinger 21 der 27 Bücher des Neuen Testaments aus. Er fand, dass die Mönche kaum Latein verstehen konnten, so predigte er in Schweizer-Deutsch. Er lud auch die säkularen Arbeiter und Diener des Klosters zu seinen Vorlesungen und kurz danach die ganzen Einwohner Kappels.

     Die Erneuerungen in Kappel waren riesig und kamen schnell. Bis 1524 waren alle Abbilder der Abteikapelle entfernt. Ein Jahr später wurde die Messe abgeschafft, und kurz danach trafen sich alle Mönche am Tisch des Herrn in der reformatorischen Weise. Am Tag der ersten reformatorischen Abendmahlsfeier legte die Mönche ihre papistischen Gewänder ab und entsagten ihren mönchischen Schwüren. Einige Mönche verließen das Kloster, um christliche Handwerker und Bauern zu werden aber viele blieben in Kappel, um sich auf das Amt eines Predigers vorzubereiten. Parallel zu Bullingers Arbeit tat Zwingli dasselbe wie Bullinger in Zürich, aber dort war der Widerstand größer. So entstand Bullingers Prediger Seminar ‚Die Prophezei’ genannt volle zwei Jahre bevor Zwingli dieselbe Idee in Zürich verwirklichen konnte. Zum guten Schluss ernannte die Stadt Zürich Bullingers Seminar zur offiziellen Prophezei Zürichs mit Bullinger als seinem Direktor.

     Zwingli aber war tief in die politischen Machenschaften Zürichs verwickelt ohne den Takt und die Kommunikationsfähigkeiten zu besitzen, die er in Bullinger schnell erkannte. Zwingli alliierte sich mit dem mächtigeren Bern, um die Fünf Orte (eine Union der angrenzenden papsttreuen Kantone) auszuhungern. Zwingli wollte gegen den Nachbarn Krieg führen, aber Bern dachte, dass ein Lebensmittelembargo weniger riskant für die protestantischen Kantone war. Bis dahin wählte in der Schweiz jede Gemeinde demokratisch, ob sie reformatorisch werden oder römisch-katholisch bleiben sollte. Bullinger war absolut gegen Krieg und das brutale Aushungern von Menschen aber als die römischen Mächte mit Krieg antworteten, waren es nicht die Städte Bern und Zürich die sie angriffen sondern Bullingers friedliches Kappel. Die Papisten merkten, wo der Kern der Reformation lag.

 

4. Anna Adlischwyler

     Viele der Kappeler Mönche, unter anderem Joner, heirateten jetzt. 1527 beurlaubte Joner Bullinger, damit er eine Frau suchen konnte. Bullinger fand die Frau für das Leben in einem ehemaligen Nonnenkloster in Oetenbach. Die Nonnen hatten die Reformation akzeptiert und alle außer zweien das Kloster verlassen. Zwei Damen waren geblieben, um weiter im Ort die Menschen zu betreuen. Eine dieser Damen war Anna Adlischwyler, zweiundzwanzig Jahre alt. Bullinger schrieb Anna einen sehr langen Brief, erklärte, dass er kein Einkommen hätte außer Verpflegung und Unterkunft und dass sein Vater zu jung war, als dass er etwas in den nächsten Jahren erben könne. Trotzdem stellte er Anna die Frage ‚Willst Du meine Frau werden?’ Anna antwortete innerhalb wenige Tage mit der Antwort ‚Ja“. Sie planten, nach einer Verlobungszeit von zwei Wochen zu heiraten.

     Die zwei Wochen wurden zu zwei Jahren. Annas Mutter wollte ihre Tochter entweder zuhause behalten um ihrer Gesellschaft willen oder sie sollte einen sehr vermögenden Mann heiraten. Anna sagte, es solle Bullinger sein oder niemand. Frau Adlischwyler suchte rechtliche Mittel gegen das Paar mit der Begründung die Verlobung wäre illegal, weil keine Zeugen vorhanden waren. Freunde bezeugten, dass sie Heinrichs Heiratsantrag gelesen hätten und auch Annas Antwort. So entschied das Gericht dass das Paar gesetzlich verlobt wäre und heiraten solle. Frau Adlischwyler blieb aber stur, auch nachdem Zwingli ihr ins Gewissen geredet hatte. Die Mutter starb plötzlich 1529, und Anna und Heinrich konnten heiraten.

     Anna Bullinger muss eine Frau von großer Willensstärke und Mut gewesen sein. Nach den Kappeler Kriegen, als ihr Mann von den papistischen Soldaten von Bremgarten verbannt wurde, durfte Anna die Stadt nicht verlassen. Eines Nachts versuchte sie heimlich die Stadt zu verlassen mit ihren zwei Kleinkindern in den Armen. Sie wurde vor dem Stadttor von einem Wächter angehalten. Anna überwältigte den Mann, nahm seinen Torschlüssel, öffnete das Tor und floh mit den Kindern die 10 Meilen bis Zürich, wo Heinrich bei Werner Steiner Unterschlupf gefunden hatte. Bullinger hatte seine Studiorum ratio etwa vier Jahre davor für Steiner geschrieben.

     Anna und Heinrich hatten elf Kinder außer denen, die sie adoptierten. Diese waren je nach Alter Anna, Margareta, Elizabeth, Heinrich, Hans Rudolf, Christoph, Hans, Diethelm, Veritas, Dorothea und Felix. Diethelm starb als Kleinkind aber alle die anderen Kinder wurden erwachsen, damals eine Seltenheit in einer Familie. Christoph und Hans heirateten wahrscheinlich nicht, aber alle anderen heirateten Mitglieder der Familien von Reformatoren oder christlichen Senatoren.

 

5. Vater und Sohn teilen denselben Glauben

     In Februar 1529, verkündet Heinrich Bullinger Senior, nun sechzig Jahre alt, vor seiner Gemeinde in der Kanzel, dass er den reformierten Glauben akzeptiert hat. Im Dezember desselben Jahres, heirateten er und Anna, ein Paar seit fast vierzig Jahren, nach den reformierten Riten. Sofort versprachen fast alle Gemeindemitglieder ihrem Hirten zu folgen. Die Fünf Orte drohten aber nun mit Krieg, und der Stadtrat wollte sie nicht verärgern. Deshalb verbaten sie Bullinger weiter zu predigen, und er und seine Frau mussten die Stadt verlassen. Bullinger Senior predigte nun von Ort zu Ort, hauptsächlich in römischkatholischen Gebieten und hatte bald zwei neue reformierte Gemeinden in Muri und Hermetschwil, nicht weit von Bremgarten, gegründet, wo er nun als Pastor arbeitete. Währenddessen, protestierten die Bremgartener Christen gegen den Stadtrat und verlangten einen reformierten Pastor. Gervasius Schuler, ein Deutscher und Assistent bei Zwingli wurde gewählt. Er war zu langsam in seinen Reformen, so berief die Gemeinde Heinrich Bullinger Junior als Co-Pastor. Joner überzeugte Bullinger, der jetzt fünfundzwanzig Jahre alt war, das Angebot zu akzeptieren. Er gab seine erste Predigt in seiner Heimatgemeinde im Mai 1529 vor einer brechendvollen Kirche. Sein Thema war Gott in Geist und Wahrheit anzubeten. Sofort fiel der Geist Gottes über die Gemeinde. Die Abbilder wurden aus der Kirche entfernt und die ganze Gemeinde widmete sich Gott und dem neuen Glauben.

     Außer Schülers Hirtendiensten hörte die Gemeinde Bullinger jeden Sonntagnachmittag und Montag-, Dienstag- und Mittwochvormittag. Jeden Tag um 15.00 Uhr hielt er eine öffentliche Bibelstunde, in der er systematisch Gottes Wort auslegte. Die etwas weniger als drei Jahre, die Bullinger als Pastor in Bremgarten verbrachte, wird die Frühlingszeit der Bremgartener Reformation genannt. Bullinger predigte durch das ganze Neue Testament, übersetzte 30 Psalmen aus dem Hebräischen ins Latein und Schweizer-Deutsch und schrieb zahlreiche Kommentare zu den Büchern beider Testamente. Er schrieb auch eine Geschichte der Reformation in der Schweiz. Bullingers Vater evangelisierte in dieser Zeit, die Orte ringsherum Bremgarten, versöhnt mit dem Stadtrat.

 

6. Bullingers Beziehungen zu Zwingli

     Von 1523 an ritt Bullinger die 10 Meilen nach Zürich wenigstens einmal pro Woche, um mit Zwingli und Leo Jud zu reden. Viele Kirchenhistoriker betrachten Bullinger als Zwinglis Protégé, aber er war Zwingli gleich, wenn nicht sogar sein Lehrer in reformatorischen Angelegenheiten. Die Unterschiede sind wichtig. Bullinger trainierte Prediger zwei Jahre vor Zwingli, er war früher als Zwingli mit seiner reformatorischen Lehre des Abendmahls, aber  Zwingli bat ihn 1524 mit seiner Veröffentlichung zu warten bis er, Zwingli, so weit war und er würde die Lehre bekannt machen. Zwingli erreichte nie Bullingers Klarheit in der Formulierung der Lehre. Erst vier Jahre später veröffentlichte Zwingli seine Auffassung in seinem Streit mit Luther, aber erst nachdem er lange mit Bullinger das Thema durchdiskutiert hatte.

     Zwingli was Superlapsarier und lehrte, dass Gottes Auserwählung und Reprobation nicht von Adams Sturz abhängig sind. Bullinger war Sublapsarianer. Zwingli war nie reformiert in seiner Imputationslehre und konnte auch nicht das Buch der Offenbarung als Gottes Wort akzeptieren. Zwingli hielt zu einer rigiden Amtskirchenstruktur als ein Zeichen der wahren Gemeinde Gottes. Bullinger glaubte, dass Kirchenordung und Disziplin flexibel sein sollten je nachdem was für Verhältnisse zur Zeit herrschten. Bullinger war ein Mann des Friedens, so setzte ihn Zwingli, der zwanzig Jahre älter war, in vielen Situationen ein wo sein eigener feuriger Charakter für Unruhe gesorgt hatte. Bullinger setzte keine Hoffnung auf Berns politische reformierte Macht wie Zwingli und predigte gegen die Kappeler Kriege.

     Schon bevor Bullinger Zwingli kennen gelernt hatte, war seine reformatorische Theologie so gut wie vollständig entwickelt. Nichtsdestoweniger, als er Zwinglis Auslegung und Begründung der Schlussreden1 im Sommer 1523 las war er von dem Werk begeistert und bekannte, dass Zwinglis Buch seinem Glauben sehr gestärkt hätte. Zwingli wurde schnell klar, dass Bullinger außerordentliche Fähigkeiten besaß und fragte ihn, ob er Teil an Zwinglis Disputationen mit den Catabaptisten nehmen und das Protokoll der Diskussionen mit Manz, Grebel und Röubli niederschreiben würde. 1525 verfasste Bullinger ein Buch über die alten und neuen Ketzereien. Zwingli sagte, er solle das Werk veröffentlichen aber unter einem Pseudonym. Bullinger wählte den Namen Octavius Florens. Vadian lass das Buch mit großem Interesse und fragte Zwingli, wer Florens war. Zwingli antwortete „Ein junger Mann aber sehr gelehrt in beider weltlicher und theologischer Literatur,“ aber er verriet das Geheimnis nicht.

     1527 beurlaubte Joner Bullinger, damit er fünf Monate lang Vorlesungen in Zürich hören konnte. Durch Zwingli lernte Bullinger Konrad Pellikan den Schwedischen Hebräisten und Johannes Rhellikan, Rudolf Collin and Johann Jakob Ammann, Experten in Altgriechisch kennen. Bullinger besuchte die exegetischen Vorlesungen in Zürich sein Leben lang, besonders nachdem er als Superintendent und Leiter der Universität Bibliander und später Peter Martyr eingestellt hatte. Der Züricher Stadtrat war so von Bullinger begeistert, dass sie ihn einluden, mit Zwingli die Stadt bei der Berner Disputation 1528 zu repräsentieren. Dort traf Bullinger Martin Bucer von Strassburg, der auch so einflussreich in der Schweizer und englischen Reformation wirkte. Die Züricher Synode ordinierte Bullinger als Prediger und bat ihn, an der Marburger Disputation von 1529 mit Zwingli teilzunehmen. Der Stadtrat Bremgarten weigerte sich Bullinger zu beurlauben, mit der Begründung, er habe genug in seiner Gemeinde zu tun. Statt Bullinger nahm Zwingli Oecolampadus von Bern und Collin von Zürich mit.

     Von nun an wurde es klar, dass Zwingli großen Respekt und väterliche Liebe für Bullinger spürte, und in den späten zwanziger Jahren wurde es deutlich, dass er abnehmen und Bullinger an Bedeutung zunehmen würde. Im Frühjahr 1531 deutete Zwingli in seinen Veröffentlichungen an sogar, dass Bullinger seine Verantwortungen allmählich übernehmen würde.

 

7. Der Kappeler Krieg

     Zu dieser Zeit war es, als ob Zwingli mit nur 47 Jahren wusste, dass sein Leben bald enden würde. Er besuchte Bullinger im August 1531, um bei ihm geheime Gespräche mit Botschaftern aus Bern zu führen, die durch die ganze Nacht dauerten. Früh am nächsten Morgen verließ Zwingli das Haus, und Bullinger begleitete ihn nach Zufikon, um sich dort von ihm persönlich zu verabschieden. Die beiden Männer sagten einige Mal „Auf Wiedersehen,“ aber gingen weiter zusammen. Dann brach Zwingli in Tränen aus, umarmte seinen jungen Freund und sagte, „Gottes Gnade sei mit dir mein lieber Heinrich. Möge Gott dich schützen. Sei treu unserem Herrn Jesus Christus und seiner Kirche.“ Dann ging er weiter allein, ein sehr trauriger und besorgter Mensch. Das war Zwinglis letzter Abschied von seinem Freund. Am 11 Oktober zog Zwingli seinen Panzer an und ritt in einen der sinnlosesten und nutzlosesten Kriege in der Geschichte der Menschheit. Sein durchgehauener Helm ist immer noch in Zürich zu besichtigen als ein Zeugnis dafür wie Zwingli starb.

     Die Geschichte dieser Tragödie ist schnell erzählt. Am 15. Mai entschlossen sich die Fünf Orte, angetrieben durch das Lebensmittelembargo der Protestanten Berns und Zürichs und Zwinglis Säbelrasseln, selbst Gewalt zu brauchen. Bullinger bat die beiden Seiten von der Kanzel, nicht in den Krieg zu ziehen. Bern und Zürich sammelten schnell eine große Armee. Bern bestand darauf, dass Sebastian von Diesbach ihre Armee führen sollte. Dies war voll im Sinne Roms, denn Von Diesbach war ein heimlicher Feind der Reformation. Als die römisch-katholische Armee Bremgarten erreichte, zog von Diesbach seine ‚reformierte’ Armee zurück. Zwingli mit seinen wenigen kämpfenden Anhängern blieben auf dem Schlachtfeld und wurde vernichtet. Die Fünf Orte vertrieben die beiden Bullingers und Schuler von Bremgarten und proklamierten eine Rückkehr zum papistischen Glauben. Zwinglis sehr demokratisches Bürgerrecht wurde abgeschafft. Die papistischen Truppen aber griffen Zürich nicht an. Vielleicht weil sie Zwingli und die meisten von Zürichs Pastoren schon auf dem Schlachtfeld getötet hatten. Tatsächlich, bemühten sich die bisher geheimen Züricher Römischen Katholiken sofort nach Zwingli Tod die Messe in Zürich wieder einzuführen.

     Zwinglis Kriegslust und Berns unmenschliche Politik hatten der Reformation in der Schweiz großen Schaden zugeführt. Dies veranlasste die wahren Reformierten in Zürich, Bullinger zu bitten, ihr neuer Hirte zu werden. Sie brauchten einen Pastor, der nicht eine Stadt durch so genannte Christliche Gesetze bauen wollte, um sie mit Gewalt zu verteidigen, sondern einen Mann des Friedens, der eine Zeit der Gnade einführen würde. So wird gesagt, dass Zwingli ein Volk vor Rom gerettet hat, aber Bullinger machte es zu einer Kirche. Der Stadtrat hieß Bullinger auch willkommen, war aber misstrauisch wegen seiner Freundschaft mit Zwingli. Sie verlangten deshalb von ihm, dass er der Politik seines Vorgängers nicht folgen würde. Dies war ein Versprechen, dass Bullinger gerne geben konnte.

 

 

Teil II: Von Zürich zu internationalem Ruhm (1531-75)

 

1. Die Reformierte Kirche wird in Zürich etabliert

     Bern und Basel, überzeugt, dass Zürich als reformierte Stadt mehr oder weniger verloren war, drängten Bullinger, die Stadt zu verlassen. Die Fünf Orte sahen in Bullinger einen neuen Zwingli und verdammten ihn von ihren Kanzeln. Viele in Zürichs Stadtrat hatten sich so an Zwinglis starke Führung gewöhnt, dass sie glaubten Bullinger wäre eine Wahl zweiter Klasse.

     Im Jahr nach dem Kriege bat der Züricher Rat Bullinger, der sich nicht in politische Angelegenheiten einmischen wollte, ein Friedensmandat zu verfassen, um Zürichs Selbständigkeit den römisch-katholischen Gebieten gegenüber zu zeigen. Bullingers Entwurf war aber nicht stark genug für den Rat, der ihn, mit Unterstützung von Bern auf eine gefährliche Art verschärfte. Die Fünf Orte antworteten mit Kriegsdrohungen. Bullinger rief im Mai 1533 eine Kirchensynode zusammen, um eine friedliche Lösung zu finden. Er wurde als Sprecher der Synode gewählt, um die Lösung der Synode dem Rat vorzulegen. Der Züricher Rat sollte vorsichtiger sein in seiner Kritik anderen Orten gegenüber und nicht versuchen Ihnen vorzuschreiben was sie glauben sollten. Andererseits sollten die Pastoren sich nur mit der Verkündigung und seelsorgerlichen Arbeit beschäftigen und dem Geist Gottes vertrauen, die Reformation aufrecht zu halten. Wo die Mehrzahl der Bevölkerung römisch-katholisch war, sollten diese Orte römischkatholisch bleiben und eine römischkatholische Verwaltung haben. Gleichfalls sollten evangelische Orte ihre Selbständigkeit und eigene Verwaltung behalten. Dies würde bedeuten, dass besonders Bern große Ländereien verlieren würde. Der Stadtrat stimmte Bullinger zu und gab ihm in tiefer Anerkennung die Freiheit, immer vor dem Rat zu stehen und die Meinungen und Vorschläge der Synode vorzutragen.

     Rom drohte Zürich weiterhin mit Krieg, aber die deutschen Lutheraner und Reformierten Kirchen, die Bucers Tetrapolitana akzeptiert hatten (Strassburg, Memmingen, Constance und Lindau) und der wachsende Smalkaldische Bund setzten ihre ganze Diplomatie ein, um Zürich zu helfen. Sie versprachen sogar militärischer Hilfe, falls nötig. Zürich blieb von Krieg verschont aber Bern warf der Stadt Feigheit vor. Es kam zu einem Bruch mit Zürich wegen einer Bagatelle. Bern hatte keine eigene Druckerei, so schickten sie ihre neue Glaubenskonfession an Christopher Froschauers Drückerei in Zürich. Froschauer führte den Auftrag sofort aus. Die Berner hatten Froschauer erklärt, sei wollten ihr Wappen, einen Bären auf dem Titelblatt. Froschauer tat sein bestes und druckte seine Version eines Bären auf das Titelblatt. Die Berner waren empört. Der Berner Bär sah sehr wild aus und hatte ausgestreckte Krallen. Der Züricher Bär aber sah sehr freundlich aus, und seine Krallen waren eingezogen. Bern fühlte sich beleidigt und drohte Zürich mit Konsequenzen. Bullinger sorgte mit viel Diplomatie und Hilfe Berchtold Hallers in Bern für Ruhe, aber Bern handelte nie wieder mit Froschauer.

 

2. Schwierigkeiten mit den Papisten und Lutheranern

     Um Zürich zu diskreditieren, verbreiteten die Papisten das Gerücht, dass durch Zwinglis Krieg allein 5,000 Züricher Bürger starben. Luther nahm diese Zahl der Toten als Wahrheit und als Beweis, dass Zwingli ein weltlicher Mann war und sogar ein Schwärmer, Enthusiast und Anabaptist und dass er gegen den Heiligen Geist gesündigt hätte. Bullinger veröffentlichte deshalb eine Geschichte des Krieges in der er zeigte, dass 512 Züricher Einwohner im Krieg starben, nicht 5,000. Er schrieb auch eine Biographie über Zwinglis Leben und Glauben. Leider wollte Luther seine ungerechtfertigte Meinung nicht ändern und überredete Markgraf Albert von Brandenburg, alle Züricher Gläubigen zu verbannen. So wurde ein Protestant der Verfolger anderer Protestanten.

     Luther warf Bullinger vor, er stünde nur auf Zwinglis Schulter, und deshalb wäre er auch ein Anabaptist und Schwärmer. Bullinger hatte von Luthers Babylonischer Gefangenschaft und Freiheit des Christen stark profitiert und hielt Luther für den größten Pionier der Reformation. Luther hatte seine Reformation aber vorzeitig abgebrochen, besonders in seiner Abendmahlslehre. Seit 1523 hatte Bullinger geglaubt, dass die Lutheraner denselben Weg gehen würden wie er selbst und war sehr enttäuscht, als Luther aufhörte zu reformieren. Für Bullinger, wie auch für die englischen Reformatoren Lever, Jewel, Grindal und besonderes Cox war die Reformation eine andauernde Entwicklung. 1534 veröffentlichte Bullinger eine Erklärung zur Abendmahlslehre, welche die Präsenz Christi im Abendmahl darstellte, aber Brot und Wein waren nur Symbole und Zeichen dieser Präsenz und auch nur bei Gläubigen. Er bot den Lutheranern seine Mitarbeit und Gemeinschaft an, sagte aber, er könne nicht akzeptieren, dass Jesus physisch in Brot und Wein anwesend sei und das gleichermassen für Gläubige und Ungläubige. Luther lehnte diesen Annäherungsversuch ab. 1536 verfasste Bullinger die Erste Helvetische Konfession mit Hilfe von Myconius und Grynäus als eine Basis für alle Protestanten und Abendmahlsunionen. Luther reagierte langsam, begann aber ab Juni 1538 wieder freundlicher mit Bullinger zu korrespondieren. Aber, bald schwenkte Luthers Meinung erneut und radikal um. Er behauptete, dass die Züricher Schuld daran hätten, dass die Türken Europa bedrohten. In seinem Genesiskommentar von 1544, stellt Luther Zwingli als Ungeheuer dar. Bullinger antwortete dadurch, dass er Zwinglis Werke drucken ließ. Dies veranlasste Luther, die Züricher noch eifriger zu verurteilen. Von 1544 an arbeitete Bullinger mit Calvin zusammen, um eine gemeinsame reformierte Abendmahlslehre zu entwickeln. Das Resultat war der Züricher Consensus von 1549.

 

3. Der Consensus Tigurinus2 

     Calvin hatte die Abendmahlslehre der anderen Reformatoren stets kritisiert lange bevor er seine eigene Lehre entwickelt hatte. Obwohl es eher legitim ist zu sagen, dass Calvin nie zur Klarheit in der Abendmahlsfrage kam. Im Mai 1549 lud Bullinger Calvin nach Zürich ein, um seinen eigenen Vorschlag, den er Calvin schon ein Paar Jahre früher gegeben hatte, mit ihm zu diskutieren. Calvin brachte auch verschiedene schriftliche Vorschläge zum Thema mit. Bullinger verglich sie mit seiner eigenen Korrespondenz mit Calvin und reduzierte sie auf 24 Punkte die er selbst akzeptierte. Er fragte Calvin, ob dies eine gemeinsame Position darstellen könnte. Calvin machte einige wenige Änderungen, und die beiden Reformatoren einigten sich und unterschrieben das Consensus Tigurinus. Sie fügten andere Lehren hinzu, unter anderen eine gemeinsame Deklaration über die Prädestinationslehre, obwohl letztere nur eine nebensächliche Rolle spielte. Bald unterschrieben die anderen schweizer-deutschen Protestantischen Kantone, und so wurde das Consensus zu einer pan-schweizer Konfession inklusive der noch nicht Schweizer Orte Genf und Neuchâtel. Strassburg und England schickten ihre Glückwünsche.

     Viele von Bullingers und Calvins Freunden waren nicht allzu glücklich über die Vereinbarung. Beza, der gerade in Genf eingetroffen war, um mit Calvin zu arbeiten, bedauerte, dass sich sein zukünftiger Partner weiter von Luther in der Abendmahlsfrage entfernt hatte. So gab er selbst eine Deklaration heraus und betonte seine Übereinstimmungen mit Luther und ignorierte die Unterschiede. Dies verursachte Proteste von Bullinger, Berchtold Haller von Bern und Peter Martyr aus England. Nun standen die Lutheraner hinter Beza und kritisierten Bullingers Hausbuch mit der Begründung, dass Bullinger die Union mit dem Luthertum, die Beza befürwortete, schwieriger machen würde. 3

 

4. Die Catabaptisten

     Eines von Bullingers ersten Problemen in Zürich waren die Catabaptisten. Heute meinen orthodoxe Baptisten, die Catabaptisten wären ihre Väter im Glauben obwohl, sie objektiv gesehen, wenig Verwandtschaft haben. Die ersten Catabaptisten waren Gießer und Sprenkler und nicht Untertaucher. Bullinger studierte ihre Bewegung gründlich und merkte, dass sie innerhalb von zehn Jahren nicht weniger als 13 verschiedene Formen entwickelt hatten, die sich gegenseitig als Häretiker beschimpften. Es gab Schweizer, Sabbathler, Austerlizer, Hoferiten, Münsteraner, Hutteriten u.s.w.. Die Stäbler waren für eine friedliche Verbreitung ihrer Lehre, die Schwertler nannten sie ‚Misanthropen’. Die Schweizer nannten alle die anderen Sekten ‚falsche Brüder“. 4

     Zwingli befürchtete, dass die Catabaptisten seine Regierung durch bewaffnete Rebellion absetzen wollten und wurde deshalb zu ihrem Verfolger. Zwingli zog Bullinger dadurch in die Debatte hinein, dass er ihn als Protokollführer benutzte und ihn aufforderte, gegen die Täufer zu schreiben. Heinold Fast, der diese Zeit intensiv erforscht hat, schreibt in seinem 1995 erschienenen Heinrich Bullinger und die Täufer, dass Bullingers Schriften die Täuferforschung am meisten beeinflusst haben. Er als Mennonit beschreibt diesen Einfluss als eine flammende Fackel, die Licht geben oder das Feuer der Verfolgung anzünden konnte. Bullinger hat aber nichts mit einem solchen Missbrauch zu tun. Obwohl während Bullingers Dienstzeit 40 Catabaptisten durch den Berner Stadtrat und gegen Berchtold Hallers Proteste hingerichtet wurden, verlor keiner das Leben unter Bullinger in Zürich, und Bullinger verteidigte häufig die Täufer, damit sie ihre Bürgerrechte behalten konnten. Z.B., borgten einige Bürger Geld von den Catabaptisten weigerten sich aber, das Geld zurückzuzahlen mit der Begründung, dass die Täufer Gesetzlose wären!

     Dies heißt nicht, dass Bullinger Sympathie mit den Lehren der verschiedenen Täuferbewegungen zeigte. Für ihn war die Botschaft der Taufe Christi Ruf an alle Sünder an Ihn zu glauben und nicht die persönliche Antwort des Sünders auf diesen Ruf. Die Catabaptisten verwarfen Gottes Bündnis, das Alte Testament und glaubten nicht an die Einheit der Heiligen Schriften. Sie sagten, genau wie die Papisten, dass die Taufe abhängig von dem Status in Christo des Pastors war, und weil die Züricher Pastoren weltlich wären, könnten sie ihre Taufe nicht anerkennen. Bullinger antwortete, sich von der Kirche zu trennen sei kein geeignetes Mittel, um weltliche Pastoren zu disziplinieren sondern ein Verzicht auf christliche Verantwortung. Ihre Idee, dass die Taufe nicht wirksam war, wenn der ‚falsche Pastor’ taufte, war Rom pur. Die Taufe ist nicht unser Geschenk an Gott und auch nicht ein Geschenk des Pastors an uns, sondern ein Geschenk Gottes. Die Täufer behaupteten, dass die Taufe für die Heiligen war und nicht für Sünder. Bullinger sagte, dass alle Gottes Heilige Sünder sind. Er sagte, die Verweigerung der Täufer, Steuer zu zahlen, Staatsdienste auszuführen und Kirchenzucht anzuerkennen war der Weg des Chaos und nicht der Weg des Heils. Die Gemeinde Gottes sollte wie Hefe in dieser Welt wirken und nicht wie eine zersplitternde und zerstörende Macht.

     In seinen Dialogen mit den Täufern setzte sich Bullinger in Verbindung mit den anderen Reformatoren in der Schweiz, in Genf, Strassburg und England. Ihm halfen besonders seine Begegnungen mit Martin Bucer. Luther war keine Hilfe. Er betrachtete Bullinger auch als einen gefährlichen Catabaptisten.

 

5. Die Kirche hilft der Stadt

     Nach den Kappeler Kriegen war Zürich fast bankrott, und viele gaben der Kirche schuld, weil Zwingli sie in die Kriege geführt hatte. Sie verlangten, dass die Kirche die Schulden der Stadt bezahlen sollte, weil sie die Stadt falsch geführt hatte. Bullinger arbeitete ein Plan heraus um allen Seiten gerecht zu werden. Er gründete Schulen und Hochschulen mit Kirchengeldern, um die Stadt zu entlasten. Er trainierte hunderte von neuen Lehrern, schrieb die Richtlinien und entwarf die Prüfungsordnungen. Er entwickelte ein Konzept bei dem Kirche und Stadt in Frieden leben konnten. Nachdem der Stadtrat seinen Plan lange diskutiert hatte, wurde er als eine Art Verfassung Zürichs akzeptiert.5

     Zürichs Schulen und Hochschulen wurden sehr schnell international bekannt, und viele Studenten kamen aus ganz Europa, um in Zürich zu studieren. Während der Regierungszeit von Heinrich VIII, Edward VI, Maria I und Elizabeth I, kam ein ständiger Strom von Studenten aus England. Dies machte Bullinger zu Englands bekanntestem Theologen und Lehrer. Wenigstens fünfundzwanzig von Englands leitenden Staatsmännern und Kirchenhäuptern konnten ihren Kindern und Enkelkindern von der Zeit erzählen, als sie bei Bullinger wohnten und wie er die Schriften für sie so liebevoll ausgelegt hatte. So sehr war der Andrang von Ausländern in Zürich, dass alle Betten in der Stadt belegt waren. Bullinger, Froschauer, Simler und die anderen Pastoren und Hochschuldozenten hatten stets sechs bis zwölf Gäste in ihren Häusern. Wenn man denkt, dass Heinrich und Anna elf eigene Kinder und mehrere Adoptivkinder hatten, ist es ein Wunder, das Bullinger so viel Arbeit leisten konnte. Bullinger aber zog sich aus allen städtischen Ämtern und zurück und übergab Bibliander sein Amt als Professor für biblische Exegese. Für die englischen Studenten und Flüchtlinge, war nach den Worten Richard Coxs Bullinger ‘ein zweiter Elias“ und ‚die Hauptstütze der Gemeinde’. Bullinger gründete Stipendien für Züricher Studenten im Ausland, besonders in England, und dort kümmerten sich Richard Cox und Edmund Grindal um ihr Wohl. Mehrere Geld und Bekleidungsgeschenke wanderten auch von England zu der Züricher Gemeinde als kleines ‚Danke Schön’ für alles, was die Züricher für die Engländer geleistet hatten. Königin Elizabeth schichte der Gemeinde einen großen silbernen Pokal.

     Die Tatsache, dass viele Stundenten nach Zürich kamen und mehrere ins freie Ausland gingen, führte dazu, dass reformatorische Werke zwischen Zürich, Polen, Holland, Belgien Frankreich, Italien, Ungarn, Rumänien und England zirkulierten. Die Engländer entwickelten durch Bullingers und John Butlers Initiative gute Geschäftsbeziehungen mit Zürich. Holz wurde in Zürich abgebaut, das die wachsende englische Industrie dringend brauchte. Zürichs Holz war berühmt in England für Werkzeuge, Bögen und Pfeile. Auf diese Art und Weise konnte die Stadt Einkommen gewinnen, das sie durch die Abschaffung von Söldnern verloren hatte.

     Einer der Züricher Studenten in England war Johannes ab Ulmis aus Thurgau, der in Oxford studierte. In 1548 schrieb ab Ulmis Bullinger:

     England ist beschmückt mit dem Wort Gottes und die Anzahl der Gläubigen steigt in großen Scharen täglich. Die Messe, der Liebling der Papisten ist . . . . . vollständig abgeschafft. Die Abbilder sind völlig ausgerottet. . . . . Die Geistliche sind nun frei die heilige Ehe zu genießen und dies ist sogar vom König selbst empfohlen.“ 6 (Edward VI).

     Traurigerweise fielen die Französischen Studenten, die Zürich 1552 verließen, um zurück nach Frankreich zu kehren, in die Hände des Inquisitors von Heinrich dem Zweiten und wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Italienische Studenten die nach Hause gingen, wurden mit dem Tod bedroht und Bullingers Bücher wurden von den Papisten verbrannt. Seine Holländischen Schüler wurden von den Provinzen unter der Macht Karl des Fünften verbannt und Bullingers Bücher in Löwe verbrannt. Besonders in Ungarn, Rumänien und Bulgarien waren Bullingers Studenten gefährdet, aber es ist Bullinger gelungen, eine stabile Gemeinde in diesen Ländern aufzubauen. Dabei halfen Bullingers diplomatische Verbindungen mit Ungarns Botschafter in Wien, Johannes Féjertóy. Bullinger verfasste für die neuen Gemeinden ein Lehrbuch von 50 Kapiteln, um ihren Glauben zu stärken. Dies war der Vorläufer der Zweiten Helvetischen Konfession.

 

6. Bullinger als Prediger und  Schriftsteller

     Bullinger war ein Prediger, der Berge versetzen konnte. Der große Schwedische Reformator und Hebräist und Bullingers enger Freund Conrad Pellican schrieb in seinem Chronikon, dass Bullinger der beste und erfolgreichste Prediger war, den er je gehört hatte. Es gab keine schwierigen Stellen in der Bibel, die Bullinger, nachdem er den Urtext gründlich studiert hatte, nicht für jedermann verständlich machen konnte.7 Nach zwölf Jahren unter Bullingers Seelsorge sagte er, dass kein einziger Mensch je gesagt hätte, Bullinger wäre schwer zu verstehen und nicht einmal eine Person pro Jahre hätte die Kirche während einer Predigt Bullingers verlassen.

     Bullinger gründete ein Reformiertes Predigerseminar zwei Jahre vor Zwingli, beinahe zwanzig Jahre vor den englischen Reformatoren, über dreißig Jahre vor den Deutschen und fünfunddreißig Jahre vor Calvin. Martin Bucer veröffentlichte nie selbst eine Predigt, und die drei oder vier nach seinem Tode veröffentlichten Predigten sind nur Notizen von Bucers Zuhörern. Von 1536 bis 1550 hat Calvin nur zwei Predigten veröffentlicht. Der einzige Prediger in der Schweiz und Oberdeutschland, der Werke über das Predigen und Predigtsammlungen während der ersten Hälfte des Sechzehnten Jahrhunderts veröffentlichte, war Heinrich Bullinger. Diese Predigten waren zum größten Teil angewandte Lehrpredigten, die Bullinger in Sammlungen von 1535 an veröffentlichte. Zwischen 1549-51 publizierte Bullinger seine berühmtesten Predigten als eine Sammlung von fünfzig Lehrpredigten in fünf Büchern unter dem Titel Sermonum decades oder auf Deutsch Hausbuch und auf Englisch The Decades. Diese Werke werden häufig ‚Bullingers Institutio’ genannt. Die Unterschiede zwischen Bullingers Hausbuch und Calvins Institutio sind aber groß. Bullinger diskutiert nie eine Lehre isoliert von dem Gesammtevangelium in beiden Testamenten. Sein Werk ist immer pädagogisch, unkompliziert und praktisch zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Leser. Calvin fand Bullingers Werke zu simpel und einfach. Er behauptete, er könne Bullingers Einfachheit mit mehr Substanz füllen. Andere bevorzugten Bullingers Werke, weil sie den Menschen unmittelbar ansprechen and frei sind von überflüssigem Stoff und unnötigen Kontroversen. Bullinger trennte nie seine Rolle als Pastor von seiner Rolle als Exeget und Theologe.

     Durch John Hooper, den englischen Märtyrerbischof, der zwei Jahre Bullingers Student war, fanden die Fünf Bücher des Hausbuchs, großes Ansehen bei König Edward und der Anglikanischen Kirche. Bald wurde das Lateinische Hausbuch in Deutsch, Holländisch, Französisch, English und auch wahrscheinlich Italienisch, übersetzt. Diejenigen, die den Heidelberger Katechismus kennen, werden merken, wie sehr seine Sprache und Thesen auf dem Hausbuch aufgebaut sind.

     1586 bestimmte der Reformator-Erzbischof von Canterbury John Whitgift in seinen Orders for the better increase of learning in the inferior Ministers, mit der Unterstützung von Konvokation und Thron, dass alle Junior-Prediger eine Kopie des Hausbuchs durcharbeiten und sich regelmäßig mit einem erfahrenen Pastor treffen sollten, um das Werk, wie auch ein Kapitel der Bibel, zu besprechen. Whitgift argumentierte, dass die Quintessenz von Gottes Wort in den Fünf Büchern von Bullingers Werk zu finden war, und zwar in einer Form die jeder verstehen konnte. Calvin war viel zu unverständlich (obskur) für einen solchen Zweck und Musculus zu scholastisch subtil. Als Katechismus sollten alle Prediger Alexander Nowells Katechismus benutzen. Nowell, der jahrelang im Europäischen Exil gelebt hatte, kannte Bullinger gut und teilte seine Theologie. Die Ultra-Puritaner aber, wie Thomas Cartwright, nahmen Abstand von solchen Werken und gaben an, dass die Bibel allein für die Ausbildung reichte. Whitgift entgegnete, dass auch Akademiker wie Cartwright und seine übergerechten Anhänger viel von solchen Büchern lernen könnten. Whitgift nannte solche Leute Ärzte, die ihren Patienten gerade die Diät verbieten, die ihnen gut tut.

     Nach Marias Tod 1559 wurde The Act of Uniformity unter Elizabeth eingeführt, und Bullinger als Held des Tages gefeiert. Der Reformationshistoriker T.M. Linsay schreibt: „Damit war das Ende ihres (der Reformatoren) Strebens erreicht, das Ziel, das ihr Freund und Ratgeber Heinrich Bullinger ihnen von Zürich aus vorgegeben hatte. Ihre Briefe waren voller Jubel.“8 Der führende englische Reformator John Jewel, der Bullinger ‚Das einzige Licht unseres Zeitalters’ nannte, schrieb Bullinger am 22 Mai 1559, um ihm zu sagen, dass seine Briefe und sein Rat großartig zu diesem Triumph für die Reformation geführt hatten.[9.  Zürich Letters, First Series, p. 33.]

     Die Titel-Kataloge von Bullingers Werken brauchen Bände, um sie zu erfassen,9 so kann ich hier nur wenige davon erwähnen. Seine Vorlesungen über den Römerbrief erschienen 1525. Hier betont Bullinger die Treue Gottes im Leben eines Gläubigen und den Unterschied zwischen Gesetz, Natur und Gnade. In seinen Vorlesungen zum Hebräerbrief (1526-7) betont er die Einzigartigkeit Christi und die richtige Anwendung von Typologie. Während dieser Zeit veröffentlichte Bullinger (oder er ließ sie kopieren), mehrere Werke über das Abendmahl (1528), gegen Abbilder, (1529) und gegen die Catabaptisten (1531). 1534 veröffentlichte er seinen Von dem einen und ewigen Testament oder Bund Gottes, in welchem er das eine Bündnis der Gnade beschrieb, welches in beiden Testamenten zu finden ist. Er verfasste dieses Buch, weil die Täufer das Alte Testament verwarfen. Heutzutage ist Bullingers Bündnistheologie ein fester Bestandteil des reformierten Glaubens. Während der dreißiger und vierziger Jahre veröffentlichte Bullinger separate Kommentare zu Biblischen Büchern, aber 1554 gab er einen Kommentar des ganzen Neuen Testamentes heraus. Diese Arbeiten wurden alle auf Latein gedruckt, damit Menschen in verschiedenen Ländern sie lesen konnten.

     Bullingers berühmteste Werke über die Heilige Schrift waren sein Über die Autorität der Heiligen Schrift von 1538 und sein Gründlicher Bericht über die Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Heiligen Schrift von 1572.10 Viele Bücher dieser Zeit wurden durch handgeschriebene Kopien verteilt. 1991 verlegten Hans-Georg vom Berg, Bernd Schneider und Endre Zsindely einige andere Werke Bullingers über die Bibel aus den zwanziger Jahren des Sechszehnten Jahrhunderts wie z.B. De scripturae negotio. Diese Aufsätze zeigen, dass Bullinger einer der ersten Reformatoren war, die die reformierte Lehre des Wort Gottes formulierten. In diesem neuen Band haben wir auch Bullingers erste Werke über das Abendmahl, die Zwingli nicht drucken lassen wollte, weil er selbst nicht reif dafür war.

     Bullinger schrieb mehrere Bücher, um verfolgten Christen Rat zugeben, z. B. wie sie sich unter ihren Peinigern zu benehmen hatten. 1559 veröffentlichte er ein Handbuch über die Verhörmethoden der Papisten.11 Bullinger ließ im selben Jahr sein Werk Der Rechte Vollkommenheit der Christen erscheinen als eine Bitte an die weltlichen Mächte, Toleranz in Religionsfragen auszuüben.12 Weil das Offenbarungsbuch von Zwingli und auch Calvin als zweitrangig eingeschätzt wurde, brachte Bullinger, (der das Buch als Kanonisch akzeptierte), einige Kommentare zum Buch heraus und veröffentlichte 1557 seine 100 Predigten zur Offenbarung, welche schnell 20 Ausgaben erreichten und auf Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch erschienen. Im selben Jahr wurde auch Bullingers Über das Ende des Weltzeitalters und das künftige Gericht unsern Herrn Jesus Christus in 1557 herausgegeben.13 

     Bullingers beliebtestes und am weitesten verbreitetes Werk war seine Confessio helvetica posterior von 1566, in Deutschland besser bekannt als die Zweite Helvetische Konfession. Diese Konfession wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und zu einem Symbol des orthodoxen reformierten Glaubens in Ost und West Europa und Nord Amerika. Die Erste helvetische Konfession von 1536 war eine schweizer-straßburger Konfession, und andere führende Reformatoren hatten die Konfession mitverfasst. Sie war geplant, um Martin Luther für die volle Reformation zu gewinnen, erreichte aber ihr Ziel nicht. Die Zweite Helvetische Konfession war allein das Werk Bullingers und wurde 1564 geschrieben, während  die Pest viele Mitglieder von Bullingers Familie und viele seiner engsten Freunde wegraffte. Bullinger, der auch erkrankte, rechnete mit seinem Tod und wollte ein formelles Bekenntnis seines Glaubens hinterlassen. Er erholte sich von der Krankheit und sein Bekenntnis lag unbemerkt unter Bullingers persönlichen Papieren. Dann verließ der Kurfürst von der Pfalz, Friedrich der Dritte, die Lutherische Kirche, weil sie eine völlige Reformation blockierte. Er wandte sich an Bullinger als den führenden Reformator Europas mit der Bitte, er soll eine Glaubens Konfession verfassen, die alle Reformierten akzeptieren konnten. Bullinger schickte ihm seine eigene Konfession. Friedrich fand sie ideal, ließ sie ins Deutsche übersetzen und schickte Kopien an alle Reformierten Gemeinden. Bern, Genf und natürlich Zürich akzeptierten die Konfession sofort. Beza übersetzte sie ins Französische und die französischen Protestanten akzeptierten sie mit Freude. In seiner französischen Form kam das Bekenntnis nach Schottland, wo es 1567 als eine schottische Konfession angenommen wurde. 1571 machte die Ungarische Reformierte Kirche die Konfession zu ihrer eigene.

 

7. Fünfundfünfzig Jahre im Dienste des Herrn

     Bullinger erholte sich nie ganz von der Pest, unter der er in den Jahren 1564-5 litt. Er arbeitete nicht nur während seiner langen Krankheit, sondern besuchte die Kranken und Sterbenden, um ihnen Trost und Rat zu spenden. Er lag nur kurze Zeit im Bett, als er nicht mehr gehen konnte. Bullinger konnte die Pastoren wie Zanchius nicht verstehen, die vor der Pest flohen. Ein guter Pastor bleibt seinem Volk treu im Leben und im Sterben. Danach fühlte er sich aber alt und hatte dauernd Nierenbeschwerden. Seine Frau Anna hatte ihren Mann treu unterstützt bis auch sie die Krankheit bekam und rasch starb. Freunde sagten Bullinger, er solle sofort wieder heiraten, aber er antwortete, es könne nie eine zweite Anna geben. Dann starben innerhalb eines Jahres seine Töchter Margaretha, Elizabeth und Anna und mehrere Enkelkinder. In diesem Jahr starben auch Bullingers allerengste Freunde: Blarer, Gessner, Froschauer, Bibliander, Farel und Calvin. Gessner teilte auch Bullingers Meinung, dass es falsch wäre, sich zu retten wenn andere leiden. Als Arzt besuchte er seine Patienten bis er selbst tot umfiel. Bullinger war ein willensstarker und zäher Mann und überlebte die Krankheit, völlig überzeugt, dass er noch viel zu tun hatte. Von allen Reformatoren, die er als junger Mann gekannt hatte, war er nun allein. Leo, Pellican und Martyr, aber besonders seinen alten Freund und Verwandten Johannes Wolf vermisste er sehr. Von der Menge an Briefpapier gesehen, dass Bullinger verbrauchte, scheint es, dass er mehr Briefe als je schrieb, obwohl seine Schrift sehr zittrig wurde. Unter der liebevollen Betreuung seines Adoptivsohns Rudolf Gualter und seiner jüngsten Tochter Dorothea lebte und diente Bullinger noch zehn Jahre. Doch 1569 war Bullinger mit Harn und Nierenbeschwerden einige Monate lang sehr krank. Seine Gedanken zu dieser Zeit erzählte er Graf von Sayn-Wittegenstein: 

     „Im Mai und Juni war ich heftig krank. Mit großer Freude erwartete ich meinen Heimgang ins ewige Vaterland. Aber durchs Gebet der Kirche genesen, von Gott zurückgerufen vom Tode, diene ich wieder in meinem Amte der Kirche, doch sind meine Kräfte noch nicht recht hergestellt, indes hoffe ich, in Kurzem werde sie mir der Herr befestigen, und bitte ihn auch herzlich, dass er, so es ihm gefällt, sich meiner weiter zu bedienen im Dienst der Kirche, mich segne und mir beistehe, wie er verheißen hat, er wolle beistehen.“14

     Danach schrieb Bullinger weiter und bald veröffentlichte er sein Werk Von der Bekehrung.

     Am 26. August 1575 wusste Bullinger aber, dass nun seine irdische Pilgerreise tatsächlich zu Ende war. Er rief alle Pastoren, Professoren und Lehrer zu sich für seine letzten Instruktionen, Segnungen und ein Lebewohl. In einer langen, gut vorbereiteten Rede mahnte er seine Freunde, die Einheit des Geistes zu bewahren und standhaft im Glauben und Zeugnis zu bleiben. Dann schickte er seinen letzten Abschiedsgruss dem Stadtrat und bat ihn, die richtige Bilanz in Sachen des Glaubens und der Politik zu behalten, und endete seinen Abschiedsgrüsse mit den Worten, „Die Gnade des Vaters, und der Segnung Jesu Christi samt dem Trost und der Stärkung des Heiligen Geistes sei mit Euch und wolle Eure Stadt und Land, Eure aller Ehre, Leib und Gut in seinem göttlichen Schutz und Schirm gnädig bewahren und vor allem Bösen treulich behüten! Amen.“15

     Wenn Freunde Bullinger erzählten, dass sie für ihn beteten, dass er noch einige Jahre leben würde, antwortete er, dass sein Glauben an eine Auferstehung felsenfest wäre und, wie Paulus, sagte er, „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein.“

     Am 17. September, nachdem er gebetet und Teile der Psalme 51, 16 und 42 zitiert hatte, fiel Bullinger in einen ruhigen und tiefen Schlaf, um niemals wieder in seinem irdischen Leben aufzuwecken. Er wurde neben seiner lieben Frau Anna und seinem guten Freund Peter Martyr im Kreuzgang des Großmünsters begraben. Bullinger wurde einundsiebzig Jahre alt und hatte fünfundfünfzig Jahren im Dienst des Herrn verbracht, dreiundvierzig davon als Leiter der Züricher Gemeinde. Rudolf Gwalter als sein Nachfolger wurde einstimmig gewählt. Der gute Vorschlag kam von Bullinger. Selten gab es einen  so berühmten Mann, der so wenig Fehler gemacht hat. 

 


 

  1. Usually translated as Analysis and Reasons for the Concluding Statements but this work, Zwingli’s longest, appeared in English under various titles and versions, though some 20 years later, for instance, The Rekenynge and Declaration of the Fayth and Belefe of Huldrike Zwyngly, 1543. 
  2. Tiguria was also the English name for Zürich at the time.
  3. See Hollweg’s discussion of this problem in Chapter 4 of his book Heinrich Bullinger’s Hausbuch.
  4. See Packull, Werner O., Hutterite Beginnings, John Hopkins University Press, 1995.
  5. Pradikanten- und Synodalordnung.
  6. Original Letters, Vol. II, p. 377.
  7. Pellikan was not quite exact as Bullinger once wrote in his notebook that someone had complained that he was too mild with his people and ought to be more severe with the Senate.
  8. History of the Reformation, vol. 2, p. 402.
  9. See Heinrich Bullinger Werke, Erste Abteilung, Bibliographie, Band I and II.
  10. Thorough Report of the Sovereignty, Dignity and Perfection of the Holy Scriptures.
  11. Anleitung, wie die Verfolgten antworten sollen.
  12. The True Perfection of Christians, initially written as a plea to Henry II not to persecute the French Protestants.
  13. On the End of the World’s Epoch and the Future Judgement of Our Lord Jesus Christ.
  14. Pestalozzi, p. 491.
  15. Blanke und Leuschner, p. 289.