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     Heinrich Bullinger wurde zu Lebzeiten Vater der reformierten Kirchen genannt. Er schrieb mehr reformatorische Werke als Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin zusammen und lehrte die so genannten ‚Fünf Punkte des Calvinismus’ lange vor Calvin. Bullingers Geschichte der Reformation ist die erste gründliche Untersuchung des Ursprungs und Verlaufs der Reformation und Bullingers Institutio (Dekaden) ist das erste große Handbuch der Reformierten Theologie. Sein Zweites Helvetisches Bekenntnis bleibt das Bekenntnis der Reformation und seine Bündnis-, Rechtfertigungs- und Prädestinationslehren sind die Grundsteine der modernen Reformationslehre.

     Bullinger wurde am 18. Juli 1504 in Bremgarten, Schweiz, geboren. Er war das jüngste von sieben Kindern aus der ,wilden Ehe’ des Gemeindepastors Heinrich Bullinger sen. und Anna Wiederkehr. Frühreif wurde er mit vier statt sieben Jahren eingeschult. Im November 1516 schickte Vater Heinrich seinen 12-jährigen Sohn nach Emmerich, Deutschland, um seine humanistische Ausbildung fortzusetzen. Er teilte seinem Sohn mit, dass er Unterkunft und Kleidung bezahlen würde aber nicht sein Essen. Heinrich jun., der eine schöne Stimme hatte, zog für Speise und Trank drei Jahre lang singend von Tür zu Tür. Mit fünfzehn immatrikulierte er an der Universität zu Köln, wo er dem neuen humanistischen Geist begegnete. Köln wurde Deutschlands Rom genannt, aber es gab auch in der Frömmigkeit der Stadt mystische Züge. Obwohl die Kölner Aquinianer sich häufig mit den Scotianern darüber stritten, ob Religion eine Sache der Logik wäre oder ein Produkt des Willens, gab es auch diejenigen die verkündeten, dass wahre Religion nichts mit Menschenlogik oder menschlichem Willen zu tun hat, sondern mit Gottes in der Bibel offenbartem Willen. Extremisten der Stadt verbrannten jedoch Luthers Bücher am 15. November 1520, genau dem Tag an dem Bullinger, nun 16 Jahre alt, seinen Bakkalaureus erhielt.

     Bullinger las Luther, Melanchthon und die Kirchenväter und entdeckte, dass sie viel näher an der Biblischen Wahrheit lebten als die Römischen Geistlichen. Durch das Neue Testament lernte Bullinger, dass das Heil durch die Gnade kam und erlebte Glaube im Herrn Jesus Christus. Nun mit 17 Jahren bestand Bullinger die Magister Prüfung, fasste den Entschluss Lehrer zu werden und kehrte nach Bremgarten heim.

     Bullinger wurde von seinen Eltern wärmstens empfangen und bekam bald eine Stelle an der Klosterschule des Kappeler Abts Wolfgang Joner. Bullinger erklärte, dass er keine Mönchtracht tragen wollte, keine römischen Eide schwören würde, und keine Messe feiern könnte und das Evangelium im reformatorischen Sinn auslegen müsste. Joner war einverstanden und machte Bullinger zum Schulsuperintendent. Bullinger entwarf neue Lehrpläne und lud die Mönche und allgemeine Bevölkerung zu seinen Vorlesungen ein. Innerhalb zweier Jahre setzte Bullinger mehr Reformen durch als Luther. Er schaffte bereits vor 1525 die Messe und alle papistischen Gebräuche ab und feierte mit den Mönchen das Abendmahl in der reformatorischen Weise. Seine Vorlesungen über den Römerbrief erschienen 1525, über den Hebräerbrief 1526-7, über das Abendmahl 1528, gegen Abbilder 1529 und gegen die Catabaptisten 1531. Viele Mönche blieben in Kappel, um sich auf das Amt eines reformierten Predigers vorzubereiten. So entstand Bullingers Prediger Seminar Die Prophezei welches von der Stadt Zürich zum offiziellen theologischen Seminar Zürichs erklärt wurde mit Bullinger als Direktor.

     1529 heiratete Bullinger Anna Adlischwyler. Das Paar bekam elf Kinder. Im selben Jahr verkündete Heinrich Bullinger sen. seiner Gemeinde, dass er den reformierten Glauben angenommen habe und heiratete Anna Wiederkehr. Um Ärger mit den papistischen Kantonen zu vermeiden, wurde Bullinger sen. jedoch von der Stadt verbannt. Danach evangelisierte er röm.-kath. Gebiete und gründete reformierte Gemeinden in Muri und Hermetschwil. Die Bremgartengemeinde trotzte dem Stadtrat, bekannte sich zur Reformation und wählte 1529 Bullinger jun., nun fünfundzwanzig Jahre alt, zum Pastor.

     Nach Zwinglis Tod auf dem Schlachtfeld 1531, wurde Bullinger als Zwinglis Nachfolger nach Zürich berufen. Er verwarf Zwinglis Kriegspolitik und knüpfte Glaubensbündnisse mit Bern, Basel, Straßburg, Memmingen, Konstanz und Lindau. Er machte Zürich zu einer Friedenszone für Flüchtlinge und bildete die Elite Europas, inklusive Staatsmänner und Reformatoren aus. Bullinger finanzierte Züricher Studenten in England, damit sie unter Reformatoren wie Richard Cox und Edmund Grindal studieren könnten. Er führte die allgemeine Schulbildung ein und sorgte für Vollbeschäftigung. 1531 verlegte er die Zürcher Bibel in Hochdeutsch und 1534 erschien Bullingers Von dem einen und ewigen Testament oder Bund Gottes. Mit Myconius und Grynäus verfasste er 1536 die Erste Helvetische Konfession als Basis für eine protestantischen Union. 1538 erschien sein Über die Autorität der Heiligen Schrift und zwischen 1535 und 1550 veröffentlichte Bullinger mehrere Predigtsammlungen. 1549 überzeugte er Calvin, das reformierte Consensus Tigurinus zu unterschreiben. Bullingers Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Der Genfer Stadtrat genehmigt die Veröffentlichung von Calvins Institutio nur in Begleitung Bullingers Dekaden. 1557 erschien Bullingers Pionierarbeit über die Offenbarung. Im Jahre 1559 lobte Bischof Jewel Bullinger als ‚Das einzige Licht unseres Zeitalters’. Als Calvin 1564 starb, wurde seinem Nachfolger Beza von Gemeinde und Stadtrat empfohlen, sich nach Bullinger und Bucer vor Calvin zu richten. 1566 unterschrieb Beza Bullingers Zweites Helvetisches Bekenntnis.

     Trotz schwere Krankheiten predigte und schrieb Bullinger weiter bis er am 17. September, 1575 verstarb. Er wurde neben seiner lieben Frau Anna und seinem guten Freund Peter Martyr im Kreuzgang des Großmünsters begraben.